Traumschwingen Adventskalender: 7. Dezember

Im 7. Türchen versteckt sich ein unglaublicher Spoiler! Nein, den könnt ihr euch nicht auf’s Auto schrauben. Den gibt es nur zu lesen.

Hier ist exklusiv das erste Kapitel von „Taliel 4“ (Arbeitstitel „Vergeltung“) von Sascha Schröder

Kapitel 1

 

Erneut stand sie vor dem Spiegel ihres Quartiers. Dumpfe Schreie hatten sie aus dem Schlaf gerissen. Wieder einmal. Es war bereits das dritte Mal in dieser Woche. So langsam, dachte sie, musste sie sich doch daran gewöhnt haben.

Die kleinen Falten unter ihren Augen hatten sich zu monströsen Kratern ausgeweitet, und gaben ihrem Gesicht einen angsteinflößenden Ausdruck. Ihre Augen glitten zu den kurzen, schwarzen Haaren. Ein Lächeln huschte über ihrem Gesicht. Ihre neue Frisur gefiel ihr. Ihre lange, braune Mähne abzuschneiden war noch der leichteste Teil der Entscheidung gewesen. Sie pechschwarz zu färben schien ihr vielmehr nur eine logische Konsequenz ihres Entschlusses zu sein.

Das Quartier war nur wenige Quadratmeter groß, und glich eher einer Gefängniszelle als einem behaglichen Zuhause. Sie war hier hinverfrachtet worden. Taliel schnaufte verächtlich. „Verfrachtet“ war definitiv das richtige Wort. Zu hunderten wurden die Engel, die sich Metatron zugewendet hatten, durch die schmalen Gänge dieses schier endlosen Tunnelsystems getrieben, wie Vieh.

Danach wurden sie auf die Quartiere aufgeteilt, wobei jedem Neuankömmling ein derartiger Verschlag zugewiesen wurde.

Es gab nur eine Sache, die diesen Verschlag von einer Gefängniszelle trennte. Es gab keine Gittertür, keine Wärter, doch ansonsten fühlte sich alles hier nach Gefangenschaft an.

Ein dumpfes Dröhnen lenkte sie ab. Es kam von draußen, und Taliel brauchte ein paar Sekunden, um es zuzuordnen. Metatron rief sie. Rief alle Rebellen auf, sich zu versammeln. Umgehend zog sie sich ihren schwarzen Mantel an, den alle Neuankömmlinge bekommen hatten, knöpfte ihn zu und reihte sich dann bei nächster Gelegenheit in den Strom der anderen Engel ein.

Die meisten kannte sie nicht einmal oder hatte ihre Gesichter nur flüchtig gesehen, als sie ihnen auf dem Gelände der Academy begegnet war. Doch soweit sie es überblicken konnte, war sie die einzige aus ihrer Einheit, ihrer Klasse. Wenn man Samuel abzog, denn der ging mit Stolz geschwellter Brust voran. Sie seufzte.

Die Gruppe der gefallenen Engel stieg geordnet und in gleichmäßigem Schritt immer tiefer in die Hölle hinab. Die schmalen Gänge wurden breiter, bis sie schließlich zu sechst nebeneinander gehen konnten. Taliel hatte sich einen Platz an der linken Außenseite erkämpft, als sie zwischen zwei Ex-Kameraden eingequetscht wurde, und klugerweise nachgab. Die Decke war kaum zu sehen bei der dunklen und flackernden Beleuchtung der Fackeln, die in schmiedeeisernen Halterungen in regelmäßigen Abständen in die Felswand geschlagen wurden. Der Geruch von Schimmel und verfaulten Eiern stieg in ihre Nase, und sie musste den Würgereiz unterdrücken. Doch sie wollte sich nicht die Nase zuhalten, denn außer ihr schien der Gestand niemandem etwas auszumachen.

An der nächsten Kreuzung sah sie aus den Augenwinkeln den Gang zu ihrer linken hinab. Sie erhaschte einen Blick auf mehrere Dämonen, die Menschen in Eisenketten mit metallenen Gegenständen folterten, die aus der Entfernung Fleischerhaken ähnelten. Die Spitzen bohrten sich tief ins Fleisch, und die Schreie und das Stöhnen dröhnten laut, hallten durch den Gang und bohrten sich wie ein Parasit tief in Taliels Kopf.

Taliel kniff die Augen zusammen. Verdammte Scheiße, dachte sie.  Sie betete, dass sie niemals eine Menschenseele quälen musste.

Gerade als die Gruppe die nächste Kreuzung passierte und sich nach rechts wenden wollte, spürte Taliel, wie eine Hand ihren Oberarm umklammerte, und sie aus der Menge zog. Noch bevor Taliel vor Schreck aufschreien konnte, legte sich eine Hand sanft über ihren Mund.

„Alles okay“, sagte eine dunkle, warme Stimme. Taliel drehte den Kopf. Lucifer stand nur eine handbreit von ihr entfernt und grinste sie an. Dann nahm er die Hand von ihrem Mund.

„Erschreck mich nicht so“, zischte Taliel. „Ich bin aktuell ziemlich dünnhäutig.“ Sie rieb sich den Oberarm.

„Wer könnte es dir verdenken? Du musst dich hier sehr vorsehen.“

„Es war meine Entscheidung, hierher zu kommen. Ich weiß was ich tue“, knurrte Taliel. „War das dann alles? Metatron erwartet mich.“

„Soll er warten“ Lucifer lachte kehlig. Dann packte er Taliel fest an der Schulter und ruhig aber bestimmt: „Ich bin nicht dein Feind, Missy. Ich bin dein Freund, vergiss das nicht. Wir stehen auf der selben Seite.“

„Und auf welcher Seite stehen wir? Aktuell befinde ich mich nämlich ziemlich im Abseits, falls du Michael und die anderen meinst.“, fragte Taliel.

„Sieh dich um, Taliel, und denk nach. Alleine die Tatsache, dass du hier bist, sollte Antwort genug sein.“

Die Tatsache, dass sie hier war, verdankte sie allein Michael. Es war ihm und den anderen natürlich nicht verborgen geblieben, wer Sunael von den Toten zurückgeholt hatte. Wahrscheinlich hatte sogar ihre beste Freundin Auriel ihnen verraten, was sie vorhatte.

Kurz nachdem Taliel mit Azraels Hilfe das Siegel gebrochen und Sunael befreit hatte, war Michael aufgetaucht. Sie hatte von all dem nicht viel mitbekommen. Ihr Kopf war eingepackt in einen dichten Schleier aus Schmerz, gepaart mit der Gewissheit, dass Sunael wieder lebte, und dem tief empfundenen Triumpf ihrer Tat.

Bereits als sie an diesem Abend im Krankenflügel wieder zu sich kam, überkam sie ein ungutes Gefühl. Raphael bedachte sie nur mit abschätzigen, fast schon mitleidigen Blicken, und auch Gabriel, der sie besuchen kam, verlor kaum Worte, fragte lediglich, ob es ihr besserginge, und verschwand wieder.

Auch ihre Bitte, Auriel oder Azrael sehen zu dürfen, wurde mit der knappen Begründung, es ging nicht, abgewiegelt.

Mit jeder Minute der Ungewissheit und der Stille, bahnte sich ein neues Gefühl ihren Weg. Ein Gefühl, dass sie zuletzt in einer ihrer Visionen von Sunael gefühlt hatte. Verzweiflung.

Doch kein Schrei drang aus ihrer Kehle, keine Träne rannte ihre Wange hinab. Es war stille Verzweiflung, die Art von Emotion, die sie sich nicht anmerken lassen wollte. Sie wollte stark sein, aber mit jedem neuen Versuch, Stärke zu zeigen, wuchs die Verzweiflung.

Was hatte sie nur getan? Es war bereits das zweite Mal, dass sie ein Verbot missachtet hatte. Beim letzten Mal wurde sie nur in den Garten gesperrt, doch auch dies war eine Erfahrung, auf die sie liebend gerne verzichtet hätte. Die Begegnung mit den Dämonen ihrer Vergangenheit, mit dem Geist in ihrem Haus, mit Stella, mit dem Dämon selbst, hatte Narben auf ihrer Seele hinterlassen. Und dort hatte sie nur einen Schüler angegriffen.

Jetzt hatte sie etwas viel Schwereres getan. Sie hatte in die natürliche Ordnung der Dinge eingegriffen. Sie hatte ihre Macht als Todesengel missbraucht, um jemanden wiederzuholen, der im Kampf gestorben war. Und wieso? Nur weil dieser jemand ihre Schwester Sunael war.

„Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich für dich ein Vertrauter bin, ein Partner, okay?“

„Du wirst mir beibringen, Seelen zu foltern? Du wirst mir beibringen, Hass und Zwietracht zu säen? Denn sowas tut ihr Dämonen für gewöhnlich doch, oder?“

Lucifer sah sie geduldig an.

„Ich bin nicht hier, um dir derartiges beizubringen. Das sollen andere übernehmen. Du weißt, wieso ich hier bin.“

„Natürlich“, antwortete Taliel.

„Hey, Lucifer.“ Hinter sich hörte Taliel die empörte Stimme einer Dämonin. Sie zeigte mit einem Dolch auf Taliel und rief. „Sie ist ein Neuankömmling, sie wird in der Versammlungshalle gebraucht.“

Lucifer packte Taliel am Kragen und zog sie zu sich.

„Es ist schön, dich hier zu haben, Taliel. Vielleicht verzeihe ich dir sogar, dass du mich um eine sehr, sehr wichtige Seele gebracht hast.“

Unbemerkt von der Dämonin zwinkerte er ihr zu, und ließ sie dann unsanft zu Boden prallen.

„Entschuldige, Siraina, ich wollte mich nur mit ihr unterhalten, denn weißt du, wir kennen uns.“

Da war sie wieder, die Arroganz und Selbstgefälligkeit in Lucifers Stimme. Taliel knurrte leise.

„Ihr kennt euch? Woher?“

Unsanft stieß Lucifer Taliel, die gerade wieder ihre Balance gefunden hatte, zur Seite, und packte die Dämonin an der Hand, in der sie den Dolch hielt.

„Das geht dich gar nichts an, okay? Und wenn du dich in meine Angelegenheiten einmischen willst, dann wirst du es bitter bereuen, haben wir uns verstanden?“ Lucifers Stimme war in Taliels Ohren nicht mehr als ein raunen, als würde er ihr die Drohungen im Vertrauen aussprechen.

„Dann werde ich dir mit deinem kleinen Taschenmesser jede Zelle einzeln aus deinem wunderschönen Körper schneiden, bis nicht einmal Behemoth dich wieder zusammensetzen kann.“ Er ließ ihre Hand los und wandte sich wieder Taliel zu.

„Wir sehen uns noch, Missy.“

Die Dämonin ließ das Messer blitzschnell in ihrem Gürtel verschwinden, und trat mit vor Angst geweiteten Augen zwei Schritte auf Taliel zu.

„Komm mit“, sagte sie, ehe sie Taliel sanft vor sich hertrieb und zurück zur Gruppe brachte, wo sie einen freien Platz einnahm, und sich in Richtung der Versammlungshalle bewegte.

Lucifer war offenbar wirklich die einzige Person hier, der sie vertrauen konnte. Sie konnte nur hoffen, dass er kein falsches Spiel spielte.

Die Gruppe erreichte die Versammlungshalle, die in ihren Dimensionen die Große Halle der Academy bei weitem übertraf. Das Gewölbe war gewaltig. Nur mit einiger Anstrengung konnte sie die Decke sehen, vom anderen Ende des Raumes ganz zu schweigen. Hier konnten locker Passierflugzeuge der Größe Airbus A380 starten und landen.

Und trotzdem blieb nicht viel Platz für sie. Um sie herum standen unzählige andere Engel und Dämonen Seite an Seite. Sie schluckte.

In der Entfernung erkannte sie ein ihr nur allzu vertrautes Gesicht. Metatron stand neben einem anderen, etwas hagereren Kerl und hatte die Arme weit ausgebreitet.

„Kameraden!“ Seine Stimme klang glockenklar in ihren Ohren. Telepathie, dachte sie. Oder die Akustik war einfach nur besonders gut.

„Willkommen in der Hölle. Ich möchte jedem von Euch danken, der meinem Ruf gefolgt ist, und jedem, der mich von der Seite der Hölle unterstützt.“

Er räusperte sich.

„Entschuldigt, falls mir hin und wieder dieses Wort über die Lippen kommt. Ich habe zu lange dort oben verbracht. Wenn ich also Hölle sage, meine ich unser wundervolles Zuhause, unser eigenes Utopia, dass wir mit all unserer Macht gegen die Invasoren der Sphären verteidigen müssen.“

Ein Jubel ging durch die Menge.

„Wir befinden uns im Krieg. Das sollte jedem von euch klar sein! Ein Krieg gegen Michael und den Rest seiner unfähigen Bande. Und wir werden sie auslöschen, Engel für Engel, Seele für Seele, wenn sie sich uns in den Weg stellen. Unser wahres Ziel ist ein anderes. Wir werden die Erde bevölkern, die Menschheit erleuchten, und sie aus der Dunkelheit führen. Sie haben viel zu lange in Demut und Aufopferung verbracht, einem ‚Gott‘ gehuldigt, den es nicht gibt, und sich Regeln unterworfen, die nur einem einzigen Zweck dienten. Sie sollten daran gehindert werden, all das zu können, was wir können. Aus Angst, die Menschheit könnte sich selbst zu Göttern erklären. Dabei ist es nicht unsere Aufgabe! Wir sind es nicht, die die Menschen einschränken dürfen. Und deshalb müssen wir sie befreien! Befreien von Michael und seinen Schergen, die nur eines wollen: Die Menschheit versklaven.“

Der Jubel der Menge war ohrenbetäubend. Taliel musste sich die Ohren zuhalten. Offenbar glaubte Metatron, was er da redete. Sie jedenfalls, sagte sie sich selber, würde es nicht tun.

 

 

***

 

 

„Hallo Süße.“

Auriel vergrub ihr Gesicht tief im Gewand der Person. „Ich habe dich vermisst.“

„Ich dich auch, Süße, ich dich auch. Ich habe die ganze Zeit nur an dich gedacht.“ Die Braunhaarige strich Auriel sanft über den Kopf und küsste sie auf die Stirn. „Es war eine verdammt lange Zeit, aber nicht so lang wie sie dir vielleicht vorgekommen ist.“

Sie hörte das Rauschen von Flügeln, und nur eine Sekunde später sah sie Azrael aus dem Augenwinkel neben sich stehen.

„Hey“, sagte sie freundlich.

„Wie geht es dir?“, fragte der Todesengel. „Fühlst du dich irgendwie eigenartig? Irgendwelche Gedanken, die nicht deine sind.“

„Nein, nur das unbeschreibliche Glücksgefühl, endlich wieder hier zu sein.“

„Es war echt nicht leicht, dich zurückzuholen, und beinahe hätte es ein Opfer gefordert.“

„Ich kann mich an diesen Tag kaum erinnern“, gestand das Mädchen. „Ich weiß nur, dass ich durch ein weißes Portal geschritten bin, und dann in einer Höhle wieder zu mir kam.“

Auriel hatte sich aus der Umarmung gelöst und die Tränen mit den Ärmeln ihres Gewands getrocknet. „Ist doch egal, Sunael, jetzt bist du wieder da.“

„Das stimmt, aber trotzdem wüsste ich gerne, was passiert ist.“

„Ich werde mit Michael heute Abend in euer Quartier kommen, dann können wir alles bereden. Melissa sollte auch dabei sein.“

„Mum ist hier?“ Sunael machte keinen Versuch, ihre Überraschung zu verbergen.

Azrael seufzte. „Eine lange Geschichte, die dir Auriel sicherlich erzählen kann. Wir sehen uns heute Abend.“

Azrael ging an den beiden vorbei in Richtung Academy.

Sunael blickte Auriel an, noch immer verdutzt.

„Was heißt das, Mum ist hier?“

„Vor einigen Monaten organisierten die Dämonen einen koordinierten Angriff auf mehrere Städte, darunter auch London. Es war ein Ablenkungsmanöver um möglichst viele von uns abzulenken. Ihr Ziel war eure Mutter. Sie wollten damit Taliel in ihre Finger bekommen.“

„Aber wieso? Wieso meine Schwester?“

„Das wissen wir nicht. Wir wissen so vieles nicht. Ridael ist spurlos verschwunden, und Michael und die anderen sind auch keine große Hilfe.“

„Dad war hier?“

„Ja, aber er redete immer nur von einem Versprechen, einer Übereinkunft mit Lilith. Mehr nicht. Dann war er weg. Vielleicht weiß Michael mehr.“ Sie sah Sunael tief in die Augen. „Du weißt nicht, was er gemeint haben könnte, oder?“

Sunael schüttelte den Kopf. „Nein, tut mir leid. So auf Anhieb nicht.“

Auriel nickte nur und fuhr dann fort: „Die Dämonen verschleppten Melissa in die Hölle, und deine Schwester in ihrem Dickkopf zog alleine los, um sie zu befreien.“

„Ja, Taliel erwähnte etwas bei unserem Gespräch, kurz bevor ich …“ Sunael senkte den Kopf. „Sie kann echt stur sein.“

„Michael und die anderen hielten es jedenfalls für das Beste, wenn Melissa vorerst hierbliebe. Und nun …“ Auriel kicherte. „Nun hat sie hier oben ein Modegeschäft eröffnet.“

„Nicht dein Ernst“, sagte Sunael ungläubig. „Will sie etwa für immer hierbleiben?“

„Scheint so.“ Auriel ergriff Sunaels Hand. Lächelnd blickte sie ihre Freundin an. „Los, lass uns gehen.“

„Ja“, erwiderte Sunael. Sie musste die ganzen Eindrücke erst einmal verarbeiten.

 

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