Traumschwingen Adventskalender: 4. Dezember

Am zweiten Advent bekommt ihr etwas ganz besonderes. Zum 4. Dezember spendieren wir euch die ersten zwei Kapitel von „E.D.U. – Wächter der Erde“, einem Buch, dass sich aktuell noch in der Entwicklung befindet, und weswegen die Texte hier auch unlektoriert und unkorrigiert sind. Nichts desto trotz möchte euch Sascha Schröder dieses Taliel-Spin-off nicht vorenthalten:

1.

Nur mit einem Kaffee-Becher in der Hand betrat Taliel den Konferenzraum im Lagezentrum der Earth Defense Unit. Das Gebäude, ein großer, weißer Klinkerbau, befand sich auf einer Insel nur wenige Kilometer nördlich der Feathergem Academy, dort, wo Taliel bis vor einem Jahr selbst noch gelernt hatte. Doch der zweite große Krieg hatte alles verändert, und Taliel war durch ihre Verdienste in der finalen Schlacht gegen Metatron und die Abtrünnigen, die Diener der Hölle, bereits jetzt auf Probe in die E.D.U. versetzt worden. Ihre Ausbildung war längst noch nicht beendet, doch da sie selbst im Hohen Rat saß, drückten die anderen Engel ein Auge zu, und ließen sie in ihrer freien Zeit bereits Missionen erledigen. Einzige Bedingung: ein ausgebildeter, erfahrener Engel musste ihr immer zur Seite stehen.

Taliel war es egal. Sie hatte den Entschluss gefasst, nach Ende des Kriegs der Schutzeinheit der Erde beizutreten, um dort alle unnatürlichen Vorkommnisse aufzuklären. In den ersten Wochen war es ruhig gewesen, und Michael vermutete, dass die Hölle ihre Truppen neu aufstellen würde. Vor zwei  Monaten kam dann der erste Hilferuf. Wie gerne wäre Taliel damals mitgegangen, aber die Zwischenprüfungen und die Hochzeit ihrer Mutter hielten sie davon ab.

Als sie heute morgen das Gebäude betrat, war die Mannschaft des Lagezentrums, welches alle Aktivitäten auf der Erde überwachte und bei Bedarf Engel entsandte, bereits in heller Aufregung. Schnell hatte sich Taliel bereit erklärt, sich die Sache einmal anzusehen, ohne zu wissen, was sie erwarten würde. Schließlich war Wochenende, und sie hatte keine Lust, ihre Zeit sinnlos hier oben zu vergeuden.

Der Konferenzraum war ein Glaskasten mit großem Tisch und vier alt aussehenden Stühlen aus Massivholz und nur mit notdürftiger Polsterung. Zwei der vier Stühle waren bereits belegt. Das flammende Haar von Michael erkannte sie bereits von weitem, und die Person neben ihm kannte sie so gut wie niemand sonst hier auf der Academy.

Er würde also heute Taliels Partnerin sein.

„Guten Morgen, Azrael“, begrüßte sie den Todesengel fröhlich.

„Taliel“, antwortete Azrael und nahm seine  Verlobte in den Arm. „Wir beide also, hm?“

Michael räusperte sich. „Ich würde es vorziehen, dass ihr zumindest auf der Mission eure Gefühle in die zweite Reihe stellt. Wir haben eine Aufgabe zu erfüllen.“

Er schob Taliel eine Mappe zu, die sie aufklappte und nur grob überflog. Michael würde es sich nicht nehmen lassen, ihr die Details selbst zu verraten.

„Vor vierundzwanzig Stunden erhielten wir durch eine anonyme Quelle Hinweise auf eine kleine Gruppe von Menschen, die mithilfe von schwarzer Magie einen Dämon entfesseln wollen. Es handelt sich um vier Schüler der Franklin High School in Franklin, Wisconsin, die offenbar ihre Abschlussparty mit ein paar kleinen Tricks aufpeppen wollen. Das müssen wir verhindern.“

„Woher haben sie die nötigen Utensilien? ich meine, einen Dämon beschwört man nicht mit Spielkarten oder einem Zylinder“, hakte Taliel nach. „Da gehört mehr zu.“

„Unbekannt“, antwortete Michael knapp. „Das herauszufinden gehört zu eurer Aufgabe.“

„Kennen wir die Identität der Schüler?“ Azrael runzelte die Stirn. Die Missionsbeschreibung in der Mappe war mehr als dürftig. „Und können wir dieser anonymen Quelle vertrauen?“

„Ja“, erwiderte Michael. „Die Quelle klang aufrichtig besorgt, daher nehmen wir diesen Hinweis sehr ernst. Leider wollte der Informant uns keine Namen nennen, er fürchtete, dass, und ich zitiere, ‚die mich sonst als erstes opfern werden, für das, was ich getan habe‘.“

„Entschuldige meine Direktheit“, sprach Taliel nun ihre und Azraels Gedanken aus, „aber die Informationslage ist mehr als dürftig. Wie sollen wir das anstellen? Ich meine, wir könnten uns als Schüler unauffällig an der Schule einschleusen, ohne dass es jemand bemerkt, aber was dann? Sollen wir rumlaufen und Handzettel verteilen? ‚Wer von euch, wer die vier Satanisten sind, die hier zur Schule gehen? Es könnte sein dass sie einen Dämon freilassen, aber keine Sorge, wir haben alles unter Kontrolle, also Hinweise vertrauensvoll an uns‘?“

Michael seufzte. Er kannte Taliels impulsive Art, musste sie mehr als einmal selbst ausbaden. Trotzdem vertraute er darauf, dass sie im Ernstfall das richtige tun würde. Und er vertraute auf Azrael, dass dieser seine Freundin zügeln würde, wenn es darauf ankäme.

„Ich kann deine Bedenken verstehen“, antwortete er. „Ich habe nie behauptet, dass diese Mission leicht werden würde. Aber ein wenig Detektivarbeit, Wandlungsfähigkeit und Ideenreichtum gehört zu den Grundvoraussetzungen für die Arbeit in der E.D.U. Und wenn du diese Voraussetzungen nicht erfüllst, dann bleiben dir nur wenige Optionen.“

Obwohl Michael ruhig sprach, war der ernste, drohende Unterton nicht zu überhören.

Taliel blickte zur Seite. „Entschuldigung. War nicht gegen dich gerichtet.“

„Entschuldigung angenommen. Ich schlage vor, ihr schaut euch zunächst in der Stadt um. Taliel hat richtig erkannt, dass die Schüler die nötigen Materialien irgendwo herbekommen müssen. Findet die Quelle, sie wird euch vermutlich weiterhelfen können. Allerdings bleiben euch nicht einmal vier Tage. Der Abschlussball soll am Dienstagabend stattfinden. Am Montagabend ist zudem ein „Blue Moon“, ein zweiter Vollmond im Monat. In dieser Nacht werden sie den Dämon entfesseln.“

„Dann sollten wir keine Zeit verlieren“, beschloss Azrael. „Haben wir irgendeine Kontaktperson, die uns etwas mehr über die Lage sagen könnte?“

„Wir haben eine Historikerin an der Schule, die sich mit der Geschichte der Stadt auskennt, und die historische Gesellschaft in Franklin leitet. Ihr Name ist  Cassandra Winter. Sie erwartet euch bereits am Übertrittspunkt Delta.“

„Dann los.“ Der Todesengel war aufgestanden.

„Sekunde noch“, hielt Michael ihn auf. „Sollte es euch nicht gelingen, die Schüler vorher zu stoppen, gilt eure zweite Priorität dem Schutz der anderen Schüler. Wenn es sein muss, gebt eure Tarnung auf, aber ich möchte kein Blut Unschuldiger an euren Händen kleben sehen, wenn ihr zurückkehrt.“

„Keine Sorge, es wird schon gutgehen“, blaffte Azrael und wandte sich zum Gehen.

„Taliel, du bist bis Mittwoch vom Unterricht befreit. Allerdings nur als absolute Ausnahme. Es ist dein letztes Jahr, und wenn du deinen Abschluss versaust, sehe ich mich gezwungen, dich von der Arbeit der E.D.U. solange zu entbinden, bis du es hinter dich gebracht hat.“

„In Ordnung“, sagte Taliel lächelnd. „Ich werde dich nicht enttäuschen.“

„Ich weiß“, erwiderte Michael grinsend und entließ die beiden aus der Besprechung.

Auf dem Weg nach draußen sprach Azrael kein Wort. Taliel wunderte sich, denn normalerweise war ihr Verlobter immer sehr redselig und gut gelaunt.

„Stimmt irgendetwas nicht?“, fragte sie vorsichtig. Azraels steinerne Mine verzog sich kein bisschen, als er antwortete.

„Ich fühle mich an einen anderen Fall erinnert“, sagte er. „Vor sechzig Jahren. In den Fünfzigern gab es in Italien eine ähnliche Situation. Die Mafia breitete sich immer weiter aus, und unterwanderte Provinz um Provinz. Ein paar Jugendliche wollten sich dem entgegenstellen und nutzen dazu ihre Fähigkeiten. Sie beschworen einen Dämon, konnten ihn jedoch nicht kontrollieren, und wurden bei dem Versuch, die Büchse der Pandora wieder zu schließen, selbst zu Opfern.“

Er ballte die Hände zu Fäusten. „Ich war nur vierundzwanzig Stunden später da, aber es war bereits zu spät. Wir konnten den Dämon vernichten, aber bis dahin hatte er bereits 48 Menschen getötet.“

Taliel blieb stehen. Ihr Magen zog sich zusammen, und sie musste gegen die aufsteigende Übelkeit ankämpfen, die sich in Wellen in ihrem Körper ausbreitete.

„Ich fühle mich persönlich dafür verantwortlich, Cat. Es ist nicht meine Schuld, aber es ist einer dieser Fälle, bei denen du denkst, ‚was hätte ich tun können? Wie hätte ich das verhindern können?‘, verstehst du?“

Taliel nickte nur. „Besser als du denkst. Deshalb sollten wir keine Zeit verlieren. Wir treffen uns mit dieser Cassandra, vielleicht kann die uns weiterhelfen.“

Die letzten hundert Meter zwischen dem Gebäude und dem Abreiseplatz legten beide Engel im Dauerlauf zurück. Auf dem Weg nahm Azrael noch eine Tasche mit, deren Inhalt er Taliel jedoch grinsend verschwieg.

Der Abreiseplatz war ein großes Rondell mit etwa fünfzehn Metern Durchmesser, welches auf einer Landzunge an der Südspitze der Insel lag. Das Rondell war mit dunklen Steinen gepflastert, die Taliel an das Lavagestein erinnerten, dass ihr Geografielehrer am Princeton College auf der Erde einmal mitgebracht hatte.

Das Rondell wurde ringsherum durch große, grob behauene Felsblöcke eingegrenzt, die ihr etwa bis zur Brust reichten. Man konnte noch über sie hinweg sehen, aber sie waren hochgenug, dass man nicht über sie stolpern und herabstürzen konnte.

Der Weg zum Rondell war nur schmal, und mit Fackeln gesäumt, die Tag und Nacht brannten und den Weg auch im Dunkeln mit genug Licht versorgten, dass man auch im Sprint nicht stolperte.

Erst wenige Meter vor dem Rondell bremsten beide ab. Taliel war schon sehr oft hier gewesen, sie hatte diesen Ort immer mit etwas Positivem verbunden. Das „Tor zu anderen Welten“ hatte sie es genannt, obwohl es ihr theoretisch überall möglich war, Portale zu öffnen.  Aber dieser Ort hatte keinen anderen Zweck, er diente einzig und allein der Reise zwischen dem Himmel und der Erde.

Jetzt, wo sie diesen Ort zum ersten Mal für den eigentlichen Zweck betrat, kroch Angst in ihre Glieder, und sie zitterte leicht.

„Alles in Ordnung?“, fragte AZrael besorgt.

„Ich bin nervös“, entgegnete Taliel. Auch ihre Stimme zitterte, und was kaum mehr als ein Flüstern.

„Das ist normal.“ Azraels Stimme war ruhig und gefasst. „Es ist dein erster Einsatz, da ist man immer nervös.“

„Aber wieso? Ich habe schlimmere Dinge gesehen. Ich habe mehrmals dem Tod ins Auge geblickt, auf der Erde, hier, in der Hölle. Und hier stehe ich nun und habe Angst. Ich verstehe es nicht.“

„Du denkst, nur weil du in den Abgrund geblickt hast, hineingefallen bist, und dich wieder nach oben gekämpft hast, kann dich nichts mehr erschrecken, richtig?“

Taliel nickte zögerlich.

„Du hast keine Angst vor dem Kampf, oder der Gefahr, der du dich aussetzt“, erwiderte Azrael kühl. „Du hast Angst davor, dass du dich überhaupt wieder über den Abgrund beugen musst. Du hast keine Angst vor dem Tod, sondern davor, dich in Gefahr begeben zu müssen.“

Er legte beide Arme um Taliel. „Und das ist gut. Das ist überhaupt nicht schlimm, es ist besser, Angst vor der Gefahr zu haben, als sich rücksichtslos ins Getümmel zu stürzen. Diese Angst soll dich leiten. Wenn du ein komisches Gefühl bei etwas hast, dann gib mir Bescheid. Gefühle, Intuition, flüchtige Gedanken können im Ernstfall dein Leben retten.“

„Aber ich sollte doch mutig sein. Ich bin für den Kampf ausgebildet, Angst ist Schwäche.“

„Unsinn“, erwiderte Azrael ruhig. „Angst ist die Art deines Geistes dir zu sagen, dass du vorsichtig sein sollst. Nicht mehr und nicht weniger. Du bist nicht weniger Mutig, nur weil du Angst hast. Angst bewahrt dich nur vor Leichtsinn.“

„Okay“, sagte Taliel. „Ich werde vorsichtig sein.“

„Sehr gut. Dann lass uns aufbrechen. Ich überlasse dir die Ehre, das Portal zu öffnen.“

Er löste die Umarmung und blickte Taliel an.

„Willkommen bei der Earth Defense Unit.“

 

 

2.

 

Taliel hatte sich bei der Präzision, mit der sie die Runen in die Luft zeichnete, selbst übertroffen, und Azrael musste neidlos anerkennen, dass seine ehemalige Schülerin ihn selbst übertroffen hatte. Taliel grinste nur, als er sie für diese Leistung lobte.

Die Luft in Franklin war bereits jetzt drückend, und die Sommersonne knallte gnadenlos auf sie herab. Ihr Glück, dass die Gasse, in der sie gelandet waren, genug Schatten bot, um der Sonne zu entkommen. Taliel blickte sich um. Der Boden war sandig und mit Kies bedeckt. Ein großer Müllcontainer stand links an der Hausmauer, daneben eine Schaufel. Auf der Straße fuhren im Sekundentakt Autos vorbei. Menschenmassen passierten die Gasse ohne wirklich Notiz von ihr zu nehmen.

„Hm“, schnaubte Azrael. „Wieder mal typisch. Unser Kontakt ist weit und breit nicht zu sehen.“

„Vielleicht habe ich mich geirrt, und wir sind nicht dort gelandet, wo wir hinwollten.“

„Nein“, sagte Azrael. „Du hast eine Punktlandung hingelegt. Wir sind genau dort, wo wir sein sollen. Übertrittspunkt Delta, Franklin, Wisconsin.“

Taliel wollte etwas entgegnen, als Azrael ihr bedeutete, ruhig zu sein. Ein Geräusch hatte seine Aufmerksamkeit erregt.

„Was ist?“, fragte Taliel telepathisch? Sie war erstaunt, wie stark ihre Fähigkeiten waren, obwohl sie jetzt auf der Erde waren. Normalerweise war das sphärische Feld, dass ihr all ihre Fähigkeiten ermöglichte, hier unten wesentlich schwächer, gestört von elektronischen Geräten, Funkwellen und allerhand weiteren technischen Dingen, die die Menschen erfunden hatten.

„Ich habe etwas gehört, ein Rumpeln. Bleib hinter mir, wahrscheinlich ist es nichts. Trotzdem sollten wir vorsichtig sein.“

Azrael trat leise einen Schritt vor, Taliel hielt sich direkt hinter ihm. Ein lauter, metallischer Schlag, gepaart mit einem Stöhnen, erschreckten sie, und sie wich einen Schritt zurück.

Langsam öffnete sich die Klappe des Müllcontainers, und eine blonde Mähne kam zum Vorschein.

„Aua“, murrte eine weibliche Stimme. „Verdammte Scheiße, tut das weh.“

„Cassandra Winter?“, fragte Azrael.

„Ja?“, erwiderte die Frau, die sich nun zu voller Größe aufgerichtet hatte, und sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Kopf rieb.

„Was zum Geier machen Sie in dem Container?“

„Ich suche etwas“, erwiderte die Frau, die umständlich aus dem Müllbehälter kletterte, und beinahe gestolpert wäre.

„Und, haben Sie gefunden, wonach Sie gesucht haben?“

„Nein, leider nicht.“

Sie richtete die Kleidung und klopfte sich etwas Staub von der Jacke.

„Und sie sind?“

„Alexander Becker“, sagte der Erzengel. Er musterte die Frau skeptisch. Ihre langen blonden Haare trug sie zu einem Zopf. Ihre Brille, deren runde Gläser mit irgendeiner Flüssigkeit, vermutlich aus dem Müll, beschmiert waren, saß schief auf ihrer kleinen, spitzen Nase. An ihren, mit rotem Lippenstift bemalten  Lippen klebten Krümel, und Azrael wollte lieber nicht darüber nachdenken, woher diese wohl stammen könnten. „Und das ist meine Partnerin Jillian Myers. Wir sind vom FBI.“

„FBI? Von wegen“, entgegnete die Blondine, die Taliel auf Mitte dreißig schätzte, mit einem süffisanten Grinsen. „Ihr seid von der E.D.U., habe ich recht?“

„Woher wissen Sie davon?“, fragte Taliel erstaunt.

„Kindchen, nur weil ich nur ein Mensch bin, bin ich nicht dumm. Ich habe mit euch Engeln schon länger zu tun. Als ich vierzehn war, hat mich einer von Euch vor einem Zugunglück beschützt.“

„Bitte was?“, fragte Taliel ihren Partner telepathisch. „Ich dachte, in so etwas mischen wir uns nicht ein.“

„Tun wir auch nicht“, antwortete Azrael. „Aber erinnerst du dich noch an den Abend, als du mit deiner Mutter aus dem Kino kamst? Du glaubtest, ein Geist hätte dich angegriffen. Falsche Erinnerungen, wie du weißt. Wir verändern die Erinnerungen in der Regel ein wenig, damit die Opfer leichter mit dem Erlebten klarkommen.“

„Verstehe“, antwortete Taliel.

„Seitdem bin ich ständig euer Sündenbock für alles Mögliche, was in dieser Stadt schiefläuft. Ich bin es langsam leid, ich werde dafür nicht mal richtig bezahlt. Aber als Medium habe ich es wohl auch nicht anders verdient.“

„Gut, Cassandra, dann lassen wir die Spielchen. Mein richtiger Name ist Azrael, das ist meine Partnerin Taliel, und wir sind nicht hier wegen irgendwelcher Poltergeister. Uns liegen Hinweise vor, dass auf Ihre Schule ein Anschlag verübt werden soll.“

Cassandras freche und schnippische Art wich blankem Entsetzen. Für einen Moment blickte sie mit offenem Mund zwischen Taliel und Azrael hin und her.

„Ein Anschlag?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Krächzen.

„Wir sind hier, um diesen Anschlag zu verhindern, aber wir brauchen Ihre Hilfe.“

„Natürlich.“ Cassandra hatte sich wieder etwas gefangen, war aber noch immer kreidebleich, und stüzte sich am Müllcontainer ab. „Worum geht es?“

„Sie sind doch an der High School angestellt, richtig?“

„Ja, ich unterrichte dort Geschichte und leite den Geschichtsclub.“

„Wie viele Schüler unterrichten Sie?“

„Etwa die Hälfte aller Schüler sitzen in meinen Kursen. Etwa zwanzig bilden den Club.“

„Mrs. Winter.“ Taliel  tauschte einen kurzen Blick mit Azrael, fragte stumm, ob es okay wäre, dass sie eine Frage stellte. Azrael nickte nur unmerklich. „Sie sagten, sie sind ein Medium. Gibt es Schüler, die Ihnen eine Gänsehaut bereiten?“

„Wie meinen Sie das?“

„Schüler, in deren Nähe sie sich unwohl fühlen. In deren Beisein sie das Gefühl haben, nicht richtig atmen zu können, oder vielleicht sogar Panik verspüren.“

Cassandra legte den Kopf in den Nacken. Sie sprach so leise, dass Taliel sie nicht verstand. Vermutlich ging sie in ihrem Geist gerade eine Liste möglicher Schüler durch, die in Frage kämen. Nach einer Weile schüttelte sie den Kopf.

„Nein, tut mir leid, in der Schule habe ich dieses Gefühl nicht.“

„Kennen Sie irgendwelche Schüler, die sich seltsam verhalten? Vielleicht schüchterne, zurückgezogene…“

„Hören sie“, unterbrach sie Azrael. „Ich unterrichte gut 300 Schüler, unsere Schule hat etwa 650 Schüler. Ich kann nicht auf jeden einzelnen achten.“

„Unterrichten Sie auch Seniors, also Schüler, die kurz vor ihrem Abschluss stehen?“

„Etwa einhundert Schüler. Unsere Schule ist vollkommen unterbesetzt, und deshalb muss ich vier Klassen parallel unterrichten. Es ist ein Chaos.“

„Fallen ihnen bei diesen Seniors irgendwelche Schüler ein, die sich sonderbar benehmen? Die vielleicht ängstlich sind, beinahe paranoid.“

„Nein, nicht sonderbarer als der Rest. In jeder Klasse gibt es die klassischen Stereotypen. Die Mädelsclique, denen ihr Aussehen wichtiger ist als ihre Noten. Die Streber, die Außenseiter, die sportlichen Typen vom Football-Team. Nichts außergewöhnliches.“

„Ich verstehe“, sagte Azrael, und er hatte Mühe, seine Enttäuschung zu verbergen.

„Es tut mir leid, dass ich ihnen nicht weiterhelfen kann. Wenn es einer der Schüler ist, die ich unterrichte, dann ist er bisher nicht wirklich in Erscheinung getreten. Weder als Problemfall noch in irgendeiner spirituellen Art und Weise.“

„Danke“, sagte Taliel.

„Ich hätte nur noch eine Frage“, setzte Azrael nach. „Wir suchen nach jemandem in dieser Stadt. Jemand, der mit magischen Artefakten handelt. Wir haben den Verdacht, dass ein paar Kids Ihrer High School vielleicht mit schwarzer Magie arbeiten könnten.“

„Sie meinen, die Schüler wollen bei uns an der High School ihre eigene Version von ‚Carrie‘ drehen?“ Cassandras Gesichtsfarbe hatte sich kaum verändert, aber Taliel glaubte, dass sie jetzt noch bleicher wurde als ohnehin schon.

„Das ist gut möglich“, antwortete Azrael. „Wir haben einen anonymen Hinweis bekommen, dass eine Gruppe aus vier Personen etwas derartiges plant.“

„Du meine Güte“, sagte sie und schlug die Hand vor den Mund.

„Wir nehmen jede Information, die wir kriegen können, ganz gleich, wie unwichtig sie ihnen erscheint.“

„Naja“, begann Cassandra, „etwas gibt es da schon. Vor einigen Tagen habe ich einen Typen beobachtet, der sich auf dem Parkplatz aufhielt, und mit einer kleinen Gruppe Schülern gesprochen hatte. Ich war zu weit weg und konnte die Schüler nicht erkennen. Der Typ ist aber kurze Zeit später mit seinem Wagen an mit vorbei gefahren, als ich auf dem Weg zu meinem Auto war.“

„Können Sie ihn beschreiben?“, fragte Taliel.

„Ich kann es versuchen. Er war nicht sonderlich groß, vom Aussehen her Mexikaner oder so. Auf der rechten Wange trug er eine Narbe. Mehr konnte ich auf die Schnelle nicht erkennen. Allerdings glaube ich, dass der Typ am Hafen zu finden sein könnte.“

„Wieso?“, fragte Taliel.

„Der Wagen den er fuhr trug den Namen einer Lagerhausfirma unten am Hafen.

„Danke“, antwortete Azrael. „Das hat in der Tat geholfen.“

„Ich muss leider los. In fünf Minuten beginnt eine Lehrerkonferenz. Da am Dienstag die Abschlussfeier ist, müssen wir das ganze Wochenende über arbeiten, und alles vorbereiten.“

Cassandra verabschiedete sich und war mit wenigen Schritten um die Ecke verschwunden.

„Das ist nicht zu fassen“, knurrte Azrael.

„Kennst du den Typen etwa?“ Taliel war nicht entgangen, dass sich Azraels Mine verfinsterte, als Cassandra den Fremden beschrieb.

„Oh ja“, sagte Azrael. „Und jetzt geht es ihm an den Kragen!“

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